BUCH LESEPROBE !
PREIS DES BUCHES 20.-- EURO ICL.PORTO IN ÖSTERREICH
250 Seiten
© 2026 [Ernst-Ferdinand Wondrusch].
ISBN 978-3-200-11318-3
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Autor: Ernst-Ferdinand Wondrusch
MeinEbenholtzturm
Der alte Meister und die Wirklichkeit 10 Das Auge vor der Welt 11 Wenn Wahrnehmung Bewusstsein wird 13 Sprache, Bild, und dazwischen 14 Zwischen Eis und Sternen 15 Wenn das Sehen zur Handlung wird 17 Ordnung im Chaos 19 Der Moment des Malens 20 Die Stille Welt der Farben 21 Zwischen Licht und Erkenntnis 26 Farbe als Beziehung 27 Die verbotene Frucht 28 Mythos, Evolution und das verlorene Wissen 30 Schönheit, Wahrheit und Macht 32 Schönheit als Gegenentwurf 34 Kunst, Technik und Kontrolle 34 Werkzeug und Handschrift 36 Das leuchtende Bild 37 Original, Kopie und digitale Macht 37 Die Macht der digitalen Öffentlichkeit 38 Framing, Öffentlichkeit und Vertrauen 39 Macht, Geld und Begriffe 42 Etiketten statt Argumente 45 Die leise Arbeit der Macht 48 Ästhetik zwischen Ordnung und Kontrolle 48 Erinnerung, Verantwortung und Widerstand 49 Das Maß der Kunst 52 Zwischen Rhetorik und Alltagserfahrung 54 Verantwortung, Staat und soziale Tragfähigkeit 55 Schulden, Ordnung und Bevormundung 56
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Kunst, Zahl und Erkenntnis 57 Schönheit als göttliche Ordnung 60 War Kunst jemals frei ? 62 Die Werkstatt als Ursprung des Bildes 63 Von Symbolik und Beobachtung 67 El Greco: zwischen Ost und West 71 Der Körper wird sichtbar 72 Michelangelo: Gnade, Zweifel und Größe 73 Ruhm und Einsamkeit 75 Glaube, Reform und Verdacht 76 Leonardo und die Freiheit des Denkens 78 Albrecht Dürer und das Ende der Welt 82 Kunst, Zahl und Erkenntnis 83 Schönheit als göttliche Ordnung 87 War Kunst jemals frei? 91 Die Werkstatt als Ursprung des Bildes 92 Von Symbolik zu Beobachtung 98 El Greco: Zwischen Ost und West 104 Der Körper wird sichtbar 106 Michelangelo: Gnade, Zweifel und Größe 107 Ruhm und Einsamkeit 110 Glaube, Reform und Verdacht 112 Leonardo und die Freiheit des Denkens 114 Albrecht Dürer und das Ende einer Welt 121 Manierismus: Kunst nach der Vollkommenheit 122 Caravaggio 124 Die Kälte nach der Erinnerung 128 Wien: Eine Stadt der Schichten 129 Salons, Netzwerke und Wiener Moderne 130 Die Moderne als innere Erschütterung 131 Der koloniale Blick im Bild 132 Vom Blick zur Verantwortung 133 Vom Traum in den Abgrund der Moderne 134 Wien um 1900 135 Nach den Katastrophen 139 Wien nach dem Untergang 142 Die Mündigkeit der permanenten Provokation 143
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Digitale Gegenwart und der Verlust der Tiefe 144 Schönheit nach Zerstörung 145 Die Verantwortung des Künstlers 146 Das Maß nicht zu verlieren 146 Zwischen kritischen Realismus und radikaler Avantgarde 146 Wien: Café, Existentialismus und Jazz 149 Peter Kubelka 151 Bild, Körper, Sprache 152 Nach der Reklame kam die Kunst 153 Der Nullpunkt der Malerei 160 Meine ersten Ausstellungen 163 Etappen einer Malerei (Dr. Dieter Schrage) 168 Die Wichtigste Person des Abends 170 Kleine Ontologie ( 2001 World Economic Forum) 172 Chaos und Ordnung 1 175 Chaos und Ordnung 2 (Dr. Dieter Ronte) 176 35 000 Jahre Rot 180 Schwarz 181 Begriff, Etikett und Kunstbetrieb 183 Von Duchamp zu Fluxus 185 Handwerk, Experiment und Substanz 186 Malerei im binären Zeitalter 188 Der White Cube und der Verlust der Konzentration 189 Künstler als Marke 191 Der Algorithmus als neuer Kurator 191 Schlussbogen: 193 Schönheit Macht und Meinungsfreiheit 193 Zwischen Kultur und Zivilisation 194 Malerei, Erinnerung und der Mensch im digitalen Zeitalter 196 Zwischen Arkadien und Atlantis 197 Arkadien nach Maß 198 Atlantis oder Hybris der Größe 199 Der Mensch zwischen Erinnerung und Größe 200 Versunkene Welten und Moderne Sehnsucht 201 Die ersten Stimmen 202 Wahrheit, Schönheit und die Stille Revolte der Kunst 203 Was vor uns liegt: 204
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MEIN EBENHOLZTURM
Der alte Meister und die Frage nach der Wirklichkeit
Der Roman "Der Ebenholzturm" von John Fowles erzählt von einem alten Maler. Einem berühmten Mann. Einem Freund von Georges Braque. Seine Zeit begann noch vor den großen Kriegen, im späten Glanz Europas, als alles elegant wirkte und doch bereits Risse bekam. Sein Leben beginnt im Fin de Siècle, jener eigentümlichen Übergangszeit zwischen Dekadenz, Müdigkeit und künstlerischem Aufbruch. Es ist die Epoche der Belle Époque, des technischen Fortschritts und der eleganten Oberflächen – aber zugleich eine Zeit unterschwelliger Nervosität, als hätte die Kultur bereits geahnt, dass ihre Struktur brüchig geworden sei. Hinter dem Glanz lag etwas Erschöpftes, eine Vorahnung von Zerfall. Seite11 von 238
Fowles beschreibt keinen gewöhnlichen alten Mann. Dieser Maler lebt zurückgezogen in der Bretagne, zwischen Bildern, Alkohol, Erinnerungen und einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist. Ein junger Kunstkritiker aus London besucht ihn. Schon beim ersten Gespräch wird klar, dass hier zwei Welten aufeinandertreffen: Der Junge spricht über Konzepte, Theorien und Avantgarde, der Alte spricht über Malerei. Als Künstler sollte man gesellschaftskritisch sein. Jeder Mensch dient im Ausmaß seines Verstehens sich selbst und im Ausmaß seines Nichtverstehens denen, die mehr verstehen. Eine traurige, aber wahre Erkenntnis. Vom Sehen zur Bedeutung
Beim Abendessen hebt er sein Glas und schimpft auf die moderne Kunst.
„Santé – auf den Gewinn der beschissenen Kastraten! Sehr gescheites Zeug, behauptet man. Intellektuell. Rechenschieberkunst und Wortverdreherei. Ihr nennt euch Avantgarde, experimentell. Ich nenne es Verrat.“ (*1)
Dann sagt er den Satz, der alles erklärt: „Ein paar Titten und eine Möse, und alles, was dazugehört – das ist Realität.“ (*2) Der Satz ist direkt. Aber gerade deshalb bleibt er hängen. Der alte Maler verteidigt nicht bloß den Akt. Er verteidigt die Wirklichkeit des Körpers. Haut. Licht. Raum. Nähe. Schmerz. Dinge, die Gewicht haben.
Für ihn beginnt Kunst beim Sehen. Nicht bei der Theorie. Abstraktion erscheint ihm wie eine Flucht aus der Welt. Doch genau darin liegt seine Tragik, denn die Welt des 20. Jahrhunderts ist längst nicht mehr geschlossen. Kriege, Industrie und Entfremdung haben sie verändert. Die Moderne entdeckt, dass Wirklichkeit selbst zerbrochen ist. (*3) Vielleicht beginnt moderne Kunst genau dort, wo das Sehen unsicher wird. John Berger schrieb einmal, dass das Sehen dem Sprechen vorausgeht. (*4) Der alte Meister hätte wohl erwidert: Es gab eine Zeit, in der das Auge der Welt noch traute.
Und trotzdem bleibt der alte Mann widersprüchlich. Er war mit Braque befreundet. Also selbst Teil der Moderne. Künstler wie
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Paul Cézanne, Braque oder Pablo Picasso wollten die Wirklichkeit nicht zerstören. Sie wollten tiefer sehen. Der Kubismus zerlegte den Gegenstand, gab ihn aber nicht auf. Noch immer ging es um Gesichter, Flaschen, Instrumente und Räume. (*5)
Vielleicht liegt genau dort die Grenze für den alten Maler. Kunst darf Formen verändern. Perspektiven verschieben. Dinge zerbrechen. Aber sie darf die Wirklichkeit nicht verlassen. Denn sobald Kunst nur noch Idee wird, verliert sie für ihn ihr Volumen. Und vielleicht erkennt der alte Maler noch etwas anderes: Jede Avantgarde altert. Auch seine Generation galt einmal als Provokation. Nun erlebt er, wie jüngere Künstler ihn selbst zur Vergangenheit machen.
Das ist seine eigentliche Wut. Er verteidigt nicht nur die Malerei. Er verteidigt seinen Platz in der Zeit. Gleichzeitig wird deutlich, dass seine Ablehnung nicht nur ästhetische Gründe hat. Der alte Maler mit der klassischen Klaviatur erkennt, dass jede Avantgarde später selbst zur Vergangenheit wird. Auch seine eigene Generation galt einst als revolutionär, brach mit Traditionen und provozierte die Älteren.
Das Auge vor der Welt
Am Anfang der Farbe steht nicht die Farbe selbst, sondern das Licht. Lange vor der bildenden Kunst, existierte nur eine einfache Reaktion auf Helligkeit und Dunkelheit. Die ersten Lebewesen sahen keine Farben. Sie unterschieden nur Intensitäten. Hell konnte Orientierung bedeuten. Nahrung. Leben. Dunkelheit dagegen Tiefe, Unsicherheit oder Gefahr. (*6) Erst langsam beginnt sich diese Lichtempfindlichkeit zu verändern. Doch auch hier existiert Farbe bisher nicht als feste Eigenschaft der Welt. Sie entsteht erst dort, wo Licht auf Auge und Gehirn (*7) trifft. Vielleicht ist das für die Malerei wichtiger als jede Theorie.
Denn sobald ein Maler wirklich zu sehen beginnt, verändert sich die Welt. Die Welt besteht nicht länger aus Dingen, sondern aus Farben, Übergängen und Licht. Farben lösen sich von ihren
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Namen und werden zu Empfindungen. Flächen lösen sich auf. Gegenstände zerfallen in Licht und Beziehungen. Darin liegt das Wesen der Malerei.
Nicht im Gegenstand selbst, sondern im Moment seiner magischen Verwandlung durch Wahrnehmung. Denn das Auge allein sieht noch keine Bedeutung. Erst das Gehirn verbindet Licht mit Erinnerung, Erfahrung, Sprache, Gefühl und Erwartung. Was wir Wirklichkeit nennen, entsteht nicht einfach außerhalb von uns. Es entsteht im Zusammenspiel zwischen Welt und Bewusstsein. Was uns berührt, liegt dabei oft weniger im Sichtbaren als in dem, was es in uns zum Klingen bringt. Im anderen regt sich die Ahnung eines Ursprungs, einer Abwesenheit, eines kaum fassbaren Dazwischen, wo sich Worte im Irgendwann verlieren. Der eine verweilt bei Formen und Farben, im anderen öffnet sich ein innerer Resonanzraum. Dort regt sich die Ahnung eines Ursprungs, einer Abwesenheit, eines kaum fassbaren Dazwischen, wo sich Worte im Irgendwann verlieren.
Jemand erinnert sich an seine Kindheit, an Verlust oder einen bestimmten Abend, dessen Echo noch immer durch die Jahre wandert. Ein Gesicht kann für den einen anonym bleiben und für den anderen Liebe, Schuld oder Trauer bedeuten. Vielleicht ist Wahrnehmung deshalb nie rein objektiv. Das Gehirn ordnet. Ergänzt. Verbindet. Es macht aus Licht Bedeutung. Aus Farbe Stimmung. Aus Formen Erinnerung. Die sichtbare Welt wird im Inneren des Menschen noch einmal erschaffen.
Gerade darin liegt vielleicht die eigentliche Nähe zwischen Kunst und Bewusstsein. Denn ein Bild zeigt nicht nur die Welt. Es zeigt, wie ein Mensch die Welt erlebt, deutet und im Innersten seines Verstandes in Bedeutung verwandelt. Und vielleicht suchen wir deshalb in der Kunst nicht nur Wirklichkeit. Sie ist eine verwandelte Wirklichkeit, die unserer inneren Erfahrung näher kommt als die bloße Oberfläche der Dinge. Denn jedes Sehen ist bereits ein Deuten.
Es sieht nicht nur Formen und Farben. Es sieht Erinnerung. Erfahrung. Angst. Hoffnung. Gewohnheit. Jede Kultur erzieht ihren
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eigenen Blick. Ein mittelalterlicher Mensch sah andere Bedeutungen in einem Bild als ein Mensch der Gegenwart. Ein Restaurator betrachtet eine Oberfläche anders als ein normaler Bürger. Ein Maler sieht in einer Wolke oft nicht nur Wetter, sondern Temperatur, Lichtbrechung, Bewegung und Farbe. Nicht weil sein Auge anatomisch anders wäre – sondern weil sein Wahrnehmungsapparat trainiert wurde. Ein Maler sieht in einer Wolke oft nicht nur Wetter, sondern Lichtstimmungen, Farbtemperaturen, Bewegung und Farbe. Nicht weil sein Auge anatomisch anders wäre – sondern weil sein Wahrnehmungsapparat trainiert wurde. Das Auge empfängt Licht, doch sehen ist immer auch ein Akt des Deutens. Doch Bedeutung entsteht erst im Inneren des Menschen. Dort verschmelzen Erinnerung, Erfahrung, Gefühl und Wahrnehmung zu etwas Neuem. Erst in diesem unsichtbaren Vorgang wird aus Farbe Stimmung, aus Licht Atmosphäre und aus einer bloßen Oberfläche Bedeutung.
Vielleicht sieht der Mensch die Welt deshalb niemals nur, wie sie ist. Sondern immer nur so, wie er sie erlebt hat. Kunst beginnt genau dort, wo Sehen nicht mehr bloß Erkennen ist. Wo die Welt nicht nur benannt, sondern wahrgenommen wird. Ein Kind sieht anders als ein Erwachsener. Wer zwischen Skylla und Charybdis navigiert, navigiert anders als jener, der nur ruhige Gewässer kennt. Ein Mensch mit dem Blick auf die Fährte anders als einer mit dem Blick nach innen. Ein Mensch, der täglich durch digitale Bilderströme gleitet, anders als jemand, der stundenlang vor einem einzigen Gemälde sitzt. Der moderne Mensch sieht wahrscheinlich mehr Bilder an einem Tag als viele Menschen früherer Jahrhunderte in einem ganzen Jahr. Aber sieht er, denkt er, oder begreift er deshalb mehr?
Kritiker der digitalen Medienkultur weisen darauf hin, dass die permanente Verfügbarkeit von Bildern zu Gewöhnungseffekten und einer verringerten Aufmerksamkeit führen kann. Das Auge springt weiter. Immer schneller. Bild folgt auf Bild. Reiz auf Reiz. Die Aufmerksamkeit zerfällt in Fragmente. Der Blick bleibt selten
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lange genug an einer Oberfläche, damit sich Tiefe bilden kann. Große Malerei verlangt oft das Gegenteil. Langsamkeit. Sie verlangt ein Auge, das verweilt. Ein Auge, das erkennt. Übergänge. Spannungen. Komposition. Aussage. Das leise Flimmern einer Lasur. Das kalte Licht auf Haut. Die Wärme eines gebrochenen Rots. Den schmalen Bereich zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Vielleicht war Sehen deshalb nie nur ein biologischer Vorgang. Es ist viel komplexer und immer eine geistige Haltung. Der Mensch betrachtet die Welt nicht einfach. Er erschafft sie mit seinem Blick immer wieder neu. Denn zwischen Auge und Welt liegt Bewusstsein. Und vielleicht erkennt man Zusammenhänge genau in diesem unsichtbaren Zwischenraum.
Wenn Wahrnehmung Bewusstsein wird
Eines Tages tritt in der Geschichte des Menschen ein kaum sichtbarer Wendepunkt ein: Wahrnehmung wird sich ihrer selbst bewusst. Vielleicht beginnt Bewusstsein in jenem Augenblick, in dem ein Mensch sein Spiegelbild nicht mehr für ein fremdes Wesen hält, sondern erkennt: Das bin ich. Die meisten Tiere erleben ihr Spiegelbild offenbar als ein anderes Wesen. Nur wenige Arten – primär die Menschenaffen – zeigen Anzeichen dafür, sich selbst darin zu erkennen. Diese Fähigkeit weist auf etwas Besonderes hin: Wahrnehmung richtet sich nicht mehr ausschließlich nach außen, sondern beginnt, sich auf den Wahrnehmenden selbst zu beziehen. Aus dem einfachen Erleben der Welt entsteht die Möglichkeit, sich selbst als Teil dieser Welt zu erkennen.
Übertragen auf René Descartes könnte man vielleicht sagen: „Ich sehe, dass ich sehe.“ (*8) Und vielleicht beginnt Bewusstsein genau dort. Nicht nur im Wahrnehmen der Welt, sondern im Erkennen der eigenen Wahrnehmung. Der Mensch sieht nicht einfach Licht und Formen. Er erlebt sich selbst beim Sehen. Vielleicht unterscheidet sich darin menschliches Bewusstsein von
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Reaktion. Nicht nur im Wahrnehmen der Welt, sondern im Erkennen der eigenen Wahrnehmung. Der Mensch sieht nicht einfach Licht und Formen. Er erlebt sich selbst beim Sehen. Vielleicht unterscheidet sich darin menschliches Bewusstsein von einfacher Reaktion. In diesem Sinn könnte man Descartes fast erweitern: Nicht nur: „Ich denke, also bin ich.“ Sondern auch: „Ich sehe, dass ich sehe – also bin ich.“ Und doch reicht selbst das Sehen nicht aus. Denn der Mensch erkennt mit der Zeit auch, dass es Wirklichkeiten gibt, die sich dem Auge entziehen.
Wir wissen heute von Dingen, die existieren, obwohl wir sie niemals direkt sehen können. Schwerkraft. Radiowellen. Gedanken. Zeit. Erinnerung. Dunkle Materie. Gefühle. Bewusstsein selbst. Vielleicht beginnt Erkenntnis deshalb nicht mit Gewissheit, sondern mit der Ahnung der eigenen Begrenzung. Der Mensch sieht die Welt – aber er sieht nie alles. Und vielleicht ist genau das der Ursprung von Philosophie, Wissenschaft und Kunst: der Versuch, auch jenem näherzukommen, was sich dem Blick entzieht. Denn hinter dem Sichtbaren liegt immer noch etwas Unsichtbares. Und hinter dem Geahnten vielleicht ein Wissen, von dem wir bisher nicht einmal wissen, dass es uns fehlt. Mit diesem Bewusstsein verändert sich auch die Rolle der Farbe. Sie dient nicht länger nur der Orientierung. Sie wird Bedeutungsträger. In den Höhlen der Altsteinzeit taucht Farbe zum ersten Mal als kulturelle Handlung auf. Mit Ocker, Holzkohle und Kalk erschaffen Menschen Bilder von Tieren, Zeichen und Jagdszenen. Orte wie Lascaux Cave oder Chauvet Cave zeigen bis heute, dass diese Bilder mehr waren als Dekoration. (*9)
Im flackernden Licht der Feuer wirken die Tiere beinahe lebendig. Bisons scheinen sich im Stein zu bewegen. Die Wand beginnt zu atmen. Vielleicht liegt genau darin der Ursprung der Kunst: Der Mensch betrachtet die Welt nicht mehr nur. Er beginnt, die sichtbare Welt in eine innere Welt zu verwandeln. Viele Forscher sehen in diesen Bildern nicht bloß Jagddarstellungen, sondern Teile eines symbolischen Weltverständnisses. (*10) Die Höhle wird zu einem Zwischenraum – zwischen Sichtbarem und
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Unsichtbarem, zwischen Körper und Vorstellung. Verstorbene wurden mit Farbe bemalt, als wollte man ihnen etwas Lebendiges mitgeben auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit. Farbe wird damit mehr als Material. Sie wird Erinnerung, Symbol und Übergang. Besonders Rot steht für Leben, Kraft und Gegenwart. Wenn die Toten mit roter Farbe bemalt wurden, war dies vielleicht Ausdruck der Hoffnung, dass etwas von der Lebenskraft bestehen bleibt – ein Zeichen dafür, dass der Tod nicht als Ende, sondern als Passage in eine andere Daseinsform verstanden wurde. Gerade aus österreichischer Perspektive erhält dieser Gedanke eine besondere Nähe.
Mit der Venus von Willendorf (*11) besitzt Österreich eines der bedeutendsten Zeugnisse paläolithischer Kunst. Die kleine Figur bleibt bis heute rätselhaft. Ihre üppigen Formen erzählen von Fruchtbarkeit, von Ursprung und von der schöpferischen Kraft des Lebens.
Vielleicht verkörpert sie das Urbild der "Großen Mutter" – jenes mütterliche Prinzip, aus dem alles Leben hervorgeht und zu dem alles Leben zurückkehrt. In dieser Vorstellung begegnen sich Geburt und Tod nicht als Gegensätze, sondern als Teile eines ewigen Kreislaufs.
Auch mein Gemälde „Die Große Mutter“ greift diesen Gedanken auf. Es erinnert daran, dass Leben nicht nur im Werden liegt, sondern auch im Bewahren, Nähren und Weitergeben. So wird die Venus von Willendorf zu mehr als einer Figur aus ferner Zeit: Sie wird zum Symbol einer tiefen Erinnerung an den Ursprung des Lebens selbst.
Sprache, Bild und dazwischen
Ein Maler steht vor einer Leinwand, und plötzlich beginnt die Welt sich zu verändern. Die Welt besteht nicht länger aus Dingen, sondern aus Farben, Übergängen und Licht. Es entsteht im Zusammenspiel zwischen Welt und Bewusstsein. Was uns berührt, liegt dabei oft weniger im Sichtbaren als in dem, was es
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in uns zum Klingen bringt. Im anderen regt sich die Ahnung eines Ursprungs, einer Abwesenheit, eines kaum fassbaren Dazwischen, wo sich Worte im Irgendwann verlieren. Konturen verlieren ihre Gewissheit. Flächen lösen sich auf. Gegenstände entgleiten im Licht. Das Auge beginnt, Beziehungen zu sehen, statt Dinge.
Beginnt Malerei genau dort? Denn am Anfang der Farbe steht nicht die Farbe selbst, wie ich schon erwähnte, sondern das Licht. Hell konnte Orientierung bedeuten. Nahrung. Leben. Dunkelheit dagegen Tiefe oder Gefahr. (*12) Das war vor 600 - 800 Millionen Jahren. Wahrnehmung war zunächst kein Bewusstsein. Sie war überleben. Erst langsam entwickelte sich daraus etwas Komplexeres. Farben wurden erst 300 Millionen Jahre später erkannt. Zwischen den ersten Lebewesen, die lediglich Hell und Dunkel wahrnahmen, und jenen, die Farben unterscheiden konnten, lagen nicht Jahre oder Jahrtausende, sondern Hunderte Millionen Jahre evolutionärer Entwicklung. Das Auge lernte zunächst, Licht von Finsternis zu trennen, später Formen zu erkennen und schließlich, die Welt in Farben zu erleben. Doch erst sehr viel später begann ein Wesen nicht nur zu sehen, sondern zu erkennen, dass es sieht. Sie entsteht erst zwischen Licht, Auge und Gehirn. (*13) Vor einigen Jahren schrieb ich für einen Vortrag einen Text über Farbe. Daraus entstand mein Interesse am Licht. Denn Licht bestimmt nicht nur Sichtbarkeit. Es bestimmt Atmosphäre. Ein kaltes Licht schafft Distanz. Ein warmes Licht schafft Nähe. Durch Hell-Dunkel entsteht Körper. Raum. Stimmung. Wellenlängen des Lichts konnten unterschieden werden. Doch selbst hier existiert Farbe bisher nicht als feste Eigenschaft der Welt. Vielleicht malt ein Maler deshalb nie einfach Gegenstände. Er malt Beziehungen. Noch bevor ein Bild Bedeutung erhält, entscheidet das Licht darüber, wie die Welt erscheinen kann.
Zwischen Licht und Körper. Zwischen Erinnerung und Wahrnehmung. Zwischen dem Sichtbaren und der Wirklichkeit, die das Bewusstsein daraus formt.
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Zwischen Eis und Sternen
Ötzi und das kosmische Bewusstsein früher Kulturen
Vor einigen Jahren erzählte mir der Ötzi-Forscher Dr. Seidler von den Tätowierungen des Mannes aus dem Eis. Erst dabei wurde mir bewusst, wie weit die symbolische Geschichte des Menschen tatsächlich zurückreicht. Ötzi trägt mehr als sechzig Tätowierungen auf seinem Körper. Linien. Punkte. Kleine Zeichen. Ihre genaue Bedeutung kennt bis heute niemand. (*14) Vielleicht dienten sie medizinischen Zwecken. Vielleicht waren sie rituell. Vielleicht beides zugleich. Gerade diese Unsicherheit macht sie interessant. Denn sie zeigt, dass der menschliche Körper schon früh mehr war als bloße Biologie. Er wurde Träger von Zeichen. Besonders auffällig wirkt ein kleines Kreuz am Knie. Natürlich besitzt dieses Zeichen nichts Christliches. Es ist Jahrtausende älter als das Christentum. Und trotzdem erscheint es vertraut. Vielleicht, weil manche Symbole tiefer reichen als Religionen. Das Kreuz ordnet den Raum: oben und unten, links und rechts, Himmel und Erde. Zum Guten, zu Gott oder in das Verderben. Ötzi lebte in einer Zeit großer Veränderungen. Die Eiszeit war vorbei. Wälder breiteten sich aus. Menschen wurden sesshaft. Aus Jägern entstanden bäuerliche Gemeinschaften. Mit ihnen entstanden neue Rituale, neue Werkzeuge und neue Formen von Kunst. Keramik. Schmuck. Metallarbeiten. Kultische Gegenstände. Der Mensch begann nicht mehr nur zu überleben. Er begann, Zusammenhänge zu erkennen.
Ötzi selbst trug bereits ein Kupferbeil. Ein Zeichen technologischen Wandels. Menschen formten nun nicht mehr nur Stein, sondern Metall. Und trotzdem blieb der Blick zum Himmel bestehen. Sonnenlauf, Mondphasen und Sterne wurden beobachtet – praktisch, aber vermutlich auch spirituell. Von den Höhlenbildern der Altsteinzeit bis zu den Monumenten späterer Hochkulturen zieht sich vielleicht dieselbe Bewegung: der Versuch, Erde und Himmel miteinander zu verbinden. (*15) Vom
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roten Ocker der Höhlenmalerei bis zu den Zeichen auf Ötzis Haut zieht sich derselbe Wunsch: den Platz des Menschen zwischen Erde und Himmel zu verstehen. Vielleicht beginnen dort Kunst, Mythos und Spiritualität. Nicht in der Flucht aus der Welt, sondern im Versuch, ihr eine Bedeutung zu geben. Auch Landschaften tragen Erinnerungen. Flüsse verändern ihren Lauf. Meere steigen. Regionen trocknen aus. Vielleicht suchten frühe Kulturen gerade deshalb etwas Bleibendes am Himmel. Während sich die Erde veränderte, blieben die Sterne scheinbar unverändert. So erscheint die Geschichte früher Kulturen nicht bloß als technische Entwicklung, sondern als Suche nach Orientierung im Kosmos. Die Bauwerke jener Zeit waren mehr als Stein und Geometrie. Die Pyramiden von Gizeh (*16) wurden mit einer Präzision errichtet, die bis heute erstaunt. Ihre Seiten orientieren sich nahezu exakt an den Himmelsrichtungen. Einige Forscher vermuten zudem, dass bestimmte Schächte auf Sterne ausgerichtet waren, die für die altägyptische Vorstellungswelt von besonderer Bedeutung gewesen sein könnten. Häufig wird dabei das Sternbild Orion genannt, das mit Osiris, dem Gott der Wiedergeburt und des Jenseits, verbunden war. Nach diesen Deutungen könnten die Schächte symbolische Blickachsen zum Himmel dargestellt haben. Ob dies tatsächlich die Absicht ihrer Erbauer war, wird bis heute diskutiert.
Doch vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung nicht in der endgültigen Antwort auf diese Frage. Entscheidend ist, dass der Mensch begann, den Himmel nicht mehr nur zu betrachten. Er begann, seine Vorstellung von Ordnung, Ewigkeit und Kosmos in die Welt einzuschreiben. Die Pyramiden waren nicht nur Bauwerke. Sie waren Stein gewordene Gedanken. Architektur wurde zu einer Sprache, mit der der Mensch seine Beziehung zum Universum ausdrückte.
Nicht nur in Ägypten entstand dieser Gedanke. Die Steinkreise von Stonehenge wurden so angelegt, dass sie mit den Sonnenwenden in Beziehung stehen. Die Tempel der Maya orientierten sich an den Bewegungen von Sonne, Mond und
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Venus. Über Kontinente und Jahrtausende hinweg zeigt sich dasselbe Muster: Der Mensch richtete seine Bauwerke nicht allein nach den Anforderungen des Bodens aus, auf dem er lebte, sondern nach dem Himmel über ihm.
Der Himmel war nicht länger einfache Kulisse. Er wurde Kalender, Orientierung, Mythos und Spiegel einer höheren Ordnung. Architektur war mehr als Baukunst. Sie wurde Ausdruck eines Bewusstseins, das begann, sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen.
Wenn das Sehen zur Handlung wird
Zwischen Verantwortung und Wirklichkeit
Der Mensch sah früh zum Himmel. Er sah nicht nur Licht. Er sah Ordnung. Er sah Zeichen. Er sah Wege für die Jagd, Zeiten für die Saat, Götter, Strafen, Versprechen. Aus Sternen wurden Geschichten. Aus Geschichten wurden Regeln. Aus Regeln wurden Gemeinschaften. Vielleicht begann Kultur nicht mit dem Werkzeug, sondern mit dem Blick. Ein Tier sieht Beute, Gefahr, Wasser, Schatten. Der Mensch sah mehr. Er begann, der Welt Bedeutung zu verleihen.
Er reagierte nicht mehr nur auf die Welt. Er begann, auf Vorstellungen zu antworten. Er reagierte nicht mehr nur auf das Sichtbare. Er begann, dem Unsichtbaren zu folgen. Er malte Tiere an Höhlenwände. Er ritzte Zeichen in Knochen. Er stellte Steine auf. Er begrub Tote mit Dingen, als gäbe es ein Danach. Er erfand Bilder, bevor er Begriffe hatte.
So begann etwas, das bis heute nicht aufgehört hat. Aus Zeichen wurden Schriften. Aus Schriften wurden Gesetze. Aus Erzählungen wurden Religionen. Aus Ordnungssystemen wurden Staaten. Aus Beobachtung wurde Wissenschaft. Aus Wissenschaft wurde Technik. Und aus Technik wurde schließlich jene vernetzte Gegenwart, in der fast jeder Mensch ein Gerät in der Hand hält, das mehr Bilder zeigt, als frühere Kulturen in einem ganzen Leben sahen. Und doch ist der Mensch nicht
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grundsätzlich ein anderer geworden. Er trägt noch immer denselben Konflikt in sich. Er steht zwischen Erde und Vorstellung. Zwischen Hunger und Hoffnung. Zwischen materieller Wirklichkeit und geistiger Sinnsuche. Er benötigt Brot. Aber Brot genügt ihm nicht. Er benötigt Schutz. Doch Schutz allein begründet kein Leben. Er sucht nach Bedeutung, selbst dort, wo keine ist. Frühe Kulturen blickten zum Himmel, um Ordnung im Kosmos zu erkennen. Die Gegenwart blickt auf Datenströme, Bildschirme, Algorithmen und digitale Systeme. Die Sterne sind nicht verschwunden. Sie wurden nur ersetzt. Heute leuchten andere Zeichen über uns. Zahlen. Kurven. Profile. Nachrichten. Bilder. Warnungen. Versprechen. Die Frage ist dieselbe geblieben. Welchen Platz hat der Mensch in einer Wirklichkeit, die sich ständig verändert? Kaum eine Frage reicht tiefer in die Geschichte des Denkens. Aber sie ist nicht alt geworden. Sie ist härter geworden. Denn die Wirklichkeit, in der wir leben, entsteht nicht mehr nur aus Natur, Arbeit und unmittelbarer Erfahrung. Sie wird gefiltert. Sortiert. Berechnet. Verkauft. Was wir sehen, ist selten nur das, was vor unseren Augen liegt. Es ist auch das, was in unserem Inneren daraus entsteht.
Der Publizist Hans-Peter Martin beschrieb gemeinsam mit Harald Schumann in "Die Globalisierungsfalle" (*17) eine Gesellschaft, in der große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich entbehrlich werden könnten. Der Begriff „Tittytainment“ bezeichnet dort eine Mischung aus Versorgung und Unterhaltung. Eine moderne Form von Brot und Spielen. Der Mensch wird beschäftigt. Beruhigt. Abgelenkt. Nicht unbedingt durch Gewalt. Sondern durch Bequemlichkeit.
Nach 1945 sah die Welt anders aus. Der Wiederaufbau verlangte Hände. Fabriken verlangten Menschen. Straßen, Häuser, Maschinen, Verwaltungen, Schulen – alles benötigte Arbeitskraft. Der Mensch wurde gebraucht, weil etwas aufgebaut werden musste. Doch gegen Ende des 20. Jahrhunderts verschob sich dieses Gleichgewicht. Maschinen wurden präziser. Computer wurden kleiner. Märkte wurden größer. Grenzen wurden
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durchlässiger für Waren, Kapital und Bilder. Arbeit wanderte. Produktion wurde verteilt. Verantwortung wurde unübersichtlicher. Was früher in einer Fabrik sichtbar war, verschwand in Lieferketten. Was früher ein Arbeitsplatz war, wurde ein Datensatz, ein Prozess, ein Optimierungsproblem. Heute verändern Digitalisierung, Automatisierung und globale Plattformen nicht nur die Arbeit. Sie verändern die Wahrnehmung.
Öffentliche Debatten beschleunigen sich. Nachrichten altern in Stunden. Urteile entstehen, bevor etwas verstanden wurde. Ein Bild genügt. Ein Satz genügt. Eine Empörung genügt. Aufmerksamkeit wird zur Währung. (*17) Wer gesehen wird, existiert. Wer nicht gesehen wird, verschwindet. Und gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten.
Das ist verständlich. Die Welt ist kompliziert geworden. Vielleicht war sie es immer. Aber früher war nicht jede Komplexität sofort sichtbar. Heute liegt sie offen vor uns und bleibt trotzdem undurchschaubar. Wir sehen mehr als je zuvor. Aber wir verstehen nicht unbedingt mehr.
Darin liegt eine Gefahr. Nicht jede Aussage, die vernünftig klingt, beruht auf Erkenntnis. Viele Sätze wirken sachlich und ausgewogen, sind aber nur gut gekleidete Behauptungen. Sie klingen nach Maß. Nach Ordnung. Nach Vernunft. Doch sie erklären nicht. Sie beschwichtigen oder beruhigen. Vielleicht betrifft diese Vereinfachung nicht nur die politische Sprache. Vielleicht betrifft sie längst auch Bilder. Denn Bilder ordnen. Sie wählen aus. Sie verführen. Sie schaffen Nähe, wo Distanz wäre. Sie schaffen Gewissheit, wo Zweifel angebracht wären. Sie machen Wirklichkeit lesbar. Aber sie können auch das Geheimnis der Wirklichkeit verdecken.
Ein Bild zeigt nie alles. Es entscheidet. Es schneidet aus. Es lässt weg. Auch das schönste Bild hat eine Grenze. Und hinter dieser Grenze beginnt das Unsichtbare. Vielleicht liegt genau dort die alte Geschichte von Erkenntnis und Täuschung verborgen. Der Mensch sieht. Er deutet. Er glaubt. Er handelt. Und manchmal handelt er nach Bildern, deren Wahrheit er nie geprüft hat. Aber er
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muss auch wissen, dass sein Blick irren kann. Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort. Nicht bei einfachen Hinsehen. Sondern in der Frage, was der eigene Blick aus der Welt macht. Und gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Gerade darin liegt ein Problem der Gegenwart. Nicht jede Aussage, die vernünftig klingt, ist mehr als eine gut formulierte Behauptung. Viele Sätze wirken sachlich und ausgewogen, bleiben aber Behauptungen. Vielleicht betrifft diese Vereinfachung, manchmal gewollte Vereinachung, nicht nur die politische Sprache. Vielleicht betrifft sie längst auch die Kunst.
Ordnung im Chaos
Eine Komposition in der Malerei funktioniert manchmal ähnlich wie politische Sprache. Ein Bild benötigt Spannung, Gewicht und Richtung. Es braucht Entscheidungen. Aber jede Ordnung hat ihren Preis. Sie vereinfacht. Sie ordnet. Sie lenkt den Blick. Das kann Klarheit schaffen. Es kann einem Bild Ruhe geben. Es kann den Betrachter führen. Es kann aus einem Durcheinander eine Form machen. Vielleicht ist das nicht nur ein Problem der Kunst. Der Mensch selbst lebt von solchen Ordnungen. Er braucht sie, um sich in der Welt zurechtzufinden. Doch jede Ordnung ist zugleich eine Deutung der Wirklichkeit.
Was hervorgehoben wird, gewinnt dadurch Bedeutung. Was an den Rand gerückt wird, verliert sie. Was hell ist, zieht den Blick an. Was dunkel bleibt, wartet. Was klar dargestellt ist, scheint wichtiger als das Verschwommene. So entsteht Bedeutung. Nicht nur durch das, was da ist. Auch durch das, was fehlt. Vielleicht unterscheidet sich ein Gemälde darin weniger von einer Nachrichtensendung, einer politischen Rede oder einer digitalen Oberfläche, als uns lieb ist. Auch dort wird ausgewählt. Auch dort wird geschnitten. Auch dort wird gelenkt. Eine Schlagzeile ist eine Komposition. Ein Nachrichtenbild ist eine Komposition. Ein Bildschirm ist eine Komposition. Alles, was uns gezeigt wird,
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besitzt eine Ordnung. Und diese Ordnung wirkt auf uns, ganz gleich, ob sie Orientierung schenkt oder in die Irre führt.
Ich bin Künstler. Kein Ökonom. Kein Politiker. Kein Experte für globale Systeme.
Aber seit der Lektüre von "Die Globalisierungsfalle" suche ich beinahe detektivisch nach Zusammenhängen. Vielleicht weil mich das Buch an etwas erinnerte, das ich aus der Malerei kenne: dass sichtbare Oberflächen selten die ganze Wahrheit enthalten. Man sieht eine Farbe. Aber darunter liegen andere Schichten. Man sieht eine Form. Aber sie entstand aus Korrekturen, Zufällen, Fehlentscheidungen. Man sieht ein fertiges Bild. Aber das fertige Bild ist nur der letzte Zustand einer langen Auseinandersetzung. Vielleicht ist es mit der Gesellschaft ähnlich. Auch dort sieht man Oberflächen. Konsum. Nachrichten. Debatten. Versprechen. Statistiken. Aber darunter liegen Interessen, Ängste, Abhängigkeiten, Gewohnheiten. Manche sichtbar. Manche verborgen. Manche absichtlich verborgen. Das Internet erleichtert die Suche. Es öffnet Archive. Es verbindet Nachrichten, Bilder, Namen, Zahlen. Es macht vieles zugänglich, was früher schwer zu finden war. Man kann Spuren verfolgen. Man kann vergleichen. Man kann zweifeln. Aber das Internet macht den Menschen auch durchsichtig.
Je transparenter die Welt wird, desto gläserner wird der Einzelne. Doch keine Transparenz nimmt uns die Last der Entscheidung ab. Wie wir die Welt verstehen, wie wir handeln und wer wir werden, bleibt unsere Verantwortung. Wir sehen zwar mehr. Aber wir werden auch mehr gesehen. Wir sammeln Informationen. Aber Informationen werden auch über uns gesammelt. Wir betrachten Bilder. Aber unser Blick wird registriert. Wie lange wir verweilen. Was wir anklicken. Was wir übergehen. Was uns reizt. Was uns beruhigt. Was uns wütend macht. Der Blick ist nicht mehr unschuldig. Vielleicht war er das nie.
Vielleicht hängt all das zusammen: Malerei, Politik, Wahrnehmung, Macht und die Frage, wem Bilder gehören. Wem gehört ein Blick? Wem gehört eine Erinnerung? Wem gehört ein Gesicht, wenn es
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einmal fotografiert wurde? Wem gehört ein Bild, wenn es durch tausend Geräte wandert? Wem gehört Wirklichkeit, wenn sie nur noch vermittelt erscheint?
Ein Maler stellt solche Fragen nicht immer ausdrücklich. Oft arbeitet er einfach. Er mischt Farbe. Er setzt einen Strich. Er verwirft ihn. Er übermalt. Er wartet. Er betrachtet. Ein Maler schreibt selten über Malerei. Nicht, weil er nichts zu sagen hätte. Sondern, weil jedes Wort sofort nach Rechtfertigung klingt. Als müsste man erklären, warum ein Bild existiert. Als müsste man beweisen, dass Farbe denken kann. Dabei beginnt Malerei oft genau dort, wo die Erklärung endet.
Das Bild weiß Dinge, bevor der Maler sie weiß. Es zeigt Widerstände. Es zeigt Lücken. Es zeigt, wo etwas nicht stimmt. Manchmal ist eine Fläche zu laut. Manchmal ist eine Form zu sicher. Manchmal zerstört ein guter Strich das Ganze, weil er zu sehr gefallen will.
In der Malerei lernt man Misstrauen gegen das allzu Gelungene. Auch das verbindet sie mit der Welt. Denn nicht alles, was geordnet aussieht, ist wahr. Nicht alles, was ruhig wirkt, ist friedlich. Nicht alles, was klar erscheint, ist verstanden. Ordnung kann helfen. Ordnung kann aber auch zudecken. Ein Bild darf nicht nur schön, oder gut sein. Es muss Spannung behalten. Es muss etwas offenlassen. Es muss dem Betrachter erlauben, selbst zu sehen.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Bild und Propaganda. Propaganda will den Blick besitzen. Kunst will ihn wecken. Sie erinnert daran, dass Wirklichkeit stets größer ist als ihre Deutung.
Der Moment des Malens
Jedes Bild beginnt mit einer Form von Stille. Die Leinwand steht vor mir. Noch ist nichts entschieden. Noch könnte alles möglich sein. Vielleicht ist das der eigentliche Anfang eines Bildes: nicht der erste Pinselstrich, sondern das Zögern davor. Man betrachtet die leere Fläche und wartet.
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